Verordnung (EU) 2024/1689 · Rechtsstand September 2026

Der EU AI Act ist da. Die Frage ist nur noch, wie gut Sie vorbereitet sind.

Seit dem 2. August 2026 gilt die KI-Verordnung in weiten Teilen. Der Digital Omnibus hat einige Fristen entschärft — aber nicht die Pflicht, zu wissen, welche KI Sie einsetzen und wer dafür verantwortlich ist.

  • Aktuelle Fristen nach dem Digital Omnibus vom Juli 2026
  • Konkrete Beispiele aus acht Branchen
  • Ehrliche Einordnung: was ISO 42001 abdeckt — und was nicht
ISO-42001-Signet
2. Aug. 2026
KI-Verordnung allgemein anwendbar

Transparenzpflichten nach Art. 50 greifen

2. Dez. 2027
Hochrisiko-KI nach Anhang III

verschoben durch den Digital Omnibus

2. Aug. 2028
KI in regulierten Produkten (Anhang I)

verschoben durch den Digital Omnibus

bis 35 Mio. €
Bussgeldrahmen

oder 7 % des weltweiten Jahresumsatzes bei verbotenen Praktiken

Fristen

Was wann gilt — Stand September 2026

Der Digital Omnibus zur KI wurde am 24. Juli 2026 im Amtsblatt veröffentlicht und ist am 27. Juli 2026 in Kraft getreten. Er verschiebt die Pflichten für Hochrisiko-KI deutlich nach hinten — alles Übrige bleibt.

  1. 2. Februar 2025

    Verbotene KI-Praktiken (Art. 5) und Pflicht zur KI-Kompetenz (Art. 4)

    gilt — vom Omnibus nicht berührt
  2. 2. August 2025

    Pflichten für Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck (GPAI, Art. 53)

    gilt — Durchsetzung seit August 2026
  3. 2. August 2026

    Allgemeine Anwendbarkeit der Verordnung, Transparenzpflichten (Art. 50)

    gilt seit einem Monat
  4. 2. Dezember 2027

    Hochrisiko-KI nach Anhang III (eigenständige Systeme)

    verschoben, ursprünglich 2. August 2026
  5. 2. August 2028

    Hochrisiko-KI nach Anhang I (KI in regulierten Produkten)

    verschoben

Was die Verschiebung nicht bedeutet: Sie ist keine Entwarnung. Verbotene Praktiken, KI-Kompetenz, Transparenzpflichten und die GPAI-Regeln gelten bereits. Und wer 2027 eine Hochrisiko-Konformität nachweisen muss, hat dafür nicht 15 Monate — sondern muss bis dahin ein funktionierendes Risikomanagement betreiben, das Daten aus dem laufenden Betrieb braucht.

Betroffenheit

Zwei Fragen entscheiden über Ihre Pflichten

1 – Welche Rolle haben Sie? Die Verordnung unterscheidet vor allem zwischen *Anbietern* — wer ein KI-System entwickelt oder unter eigenem Namen in Verkehr bringt — und *Betreibern*, die ein KI-System in eigener Verantwortung einsetzen. Die meisten Unternehmen sind Betreiber. Betreiberpflichten sind schlanker, aber sie existieren: bestimmungsgemässe Verwendung, menschliche Aufsicht, Information der betroffenen Personen, Protokollierung.

2 – In welche Risikoklasse fällt das System? Verboten, hochriskant, mit Transparenzpflicht oder minimal riskant. Die Einstufung nehmen Sie vor — niemand tut das für Sie. Und genau hier scheitern die meisten: Es gibt kein Verzeichnis, also gibt es auch keine Einstufung.

  • Verboten

    Social Scoring, Emotionserkennung am Arbeitsplatz, ungezieltes Scraping von Gesichtsbildern und weitere Praktiken nach Art. 5. Gilt seit Februar 2025.

  • Hochrisiko

    u. a. Personalauswahl, Kreditwürdigkeit, Bildungszugang, kritische Infrastruktur, Strafverfolgung, plus KI in regulierten Produkten.

  • Transparenzpflichtig

    Chatbots, generierte Inhalte, Deepfakes: Menschen müssen wissen, dass sie es mit KI zu tun haben. Gilt seit August 2026.

  • Minimales Risiko

    der grösste Teil. Keine besonderen Pflichten, aber die KI-Kompetenzpflicht nach Art. 4 gilt trotzdem.

Acht Branchen, acht konkrete Fälle

Abstrakte Risikoklassen helfen niemandem. Hier steht, wie die Verordnung in der Praxis auf den Tisch kommt.

Personal und Recruiting

Auswahl, Beförderung, Leistungsbewertung — nach Anhang III grundsätzlich Hochrisiko

Ein Unternehmen nutzt automatisiertes Lebenslauf-Screening. Ab Dezember 2027 braucht es dafür Risikomanagement, Datenqualitätsnachweise, Protokollierung und dokumentierte menschliche Aufsicht. Wer heute anfängt, hat die Belege bis dahin. Wer 2027 anfängt, hat sie nicht.

Finanz und Versicherung

Bonitätsbewertung natürlicher Personen und Risikobewertung in der Lebens- und Krankenversicherung — Hochrisiko

Ein Kreditinstitut mit KI-gestütztem Scoring muss erklären können, welche Merkmale einfliessen, wie Verzerrungen geprüft wurden und wer eine Ablehnung überstimmen kann.

Gesundheit und Medizintechnik

KI als Medizinprodukt fällt unter Anhang I — Frist August 2028, dafür mit voller Produktkonformität

Ein Anbieter von Bildauswertungssoftware muss die KI-Anforderungen in seine bestehende Konformitätsbewertung integrieren, nicht daneben.

Industrie und Maschinenbau

KI als Sicherheitsbauteil in Maschinen — Anhang I

Ein Maschinenbauer mit KI-gestützter Fehlererkennung an der Presse braucht die KI-Dokumentation als Teil der Maschinen-Konformität.

Öffentliche Verwaltung

Zugang zu Leistungen, Bildungszugang, Migrations- und Strafverfolgungskontext — Hochrisiko, teils zusätzliche Grundrechte-Folgenabschätzung

Eine Behörde, die Anträge vorsortiert, muss die Entscheidung nachvollziehbar und anfechtbar halten — und die Betroffenen informieren.

Bildung und Weiterbildung

Zulassung, Bewertung, Prüfungsüberwachung — Hochrisiko

Eine Anbieterin mit automatisierter Prüfungsbewertung braucht Fairnessnachweis, Fehlerquoten und einen Weg zur menschlichen Überprüfung.

Software und SaaS

Rolle kann von Betreiber zu Anbieter kippen — der teuerste Irrtum in der Praxis

Ein SaaS-Anbieter integriert ein fremdes Modell und vermarktet die Funktion unter eigenem Namen. Damit wird er zum Anbieter — mit deutlich weitergehenden Pflichten, als sein Team annimmt.

Handel und Marketing

Chatbots, generierte Inhalte, Personalisierung — Transparenzpflichten nach Art. 50, seit August 2026

Ein Händler mit KI-Chatbot und KI-generierten Produktbildern muss beides kennzeichnen. Das ist keine Zukunftsmusik, das gilt jetzt.

Wo ISO 42001 die Pflichten der Verordnung strukturell abdeckt

Kein Ersatz für eine Konformitätsbewertung — aber die Struktur, in der die geforderten Nachweise überhaupt entstehen.

Was ISO 42001 dafür liefert

  • Risikomanagementsystem (Art. 9)KI-Risikobewertung und -behandlung über den gesamten Lebenszyklus
  • Daten und Daten-Governance (Art. 10)Anforderungen an Herkunft, Qualität und Verwendung von Daten
  • Technische Dokumentation (Art. 11)Dokumentierte Informationen und Systemverzeichnis
  • Aufzeichnungspflichten und Protokollierung (Art. 12)Überwachung, Messung, Aufzeichnung von KI-Systemen
  • Transparenz gegenüber Betreibern (Art. 13)Transparenz- und Kommunikationsanforderungen
  • Menschliche Aufsicht (Art. 14)Rollen, Verantwortlichkeiten, Eingriffsmöglichkeiten
  • Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit (Art. 15)teilweise — Cybersicherheit vor allem über ISO/IEC 27001
  • Qualitätsmanagementsystem des Anbieters (Art. 17)genau das ist ein AIMS nach 42001
  • KI-Kompetenz (Art. 4)Kompetenz-, Schulungs- und Bewusstseinsanforderungen
  • Konformitätsbewertung und CE (Art. 43)nicht abgedeckt — eigenes Verfahren
  • Registrierung in der EU-Datenbank (Art. 49)nicht abgedeckt — eigene Pflicht
Deckung

Deckung

  • Risikomanagementsystem (Art. 9)hoch
  • Daten und Daten-Governance (Art. 10)hoch
  • Technische Dokumentation (Art. 11)mittel — die produktspezifische Tiefe kommt aus Anhang IV, nicht aus der Norm
  • Aufzeichnungspflichten und Protokollierung (Art. 12)mittel
  • Transparenz gegenüber Betreibern (Art. 13)mittel
  • Menschliche Aufsicht (Art. 14)hoch
  • Genauigkeit, Robustheit, Cybersicherheit (Art. 15)mittel (Kombination mit 27001 empfohlen)
  • Qualitätsmanagementsystem des Anbieters (Art. 17)hoch
  • KI-Kompetenz (Art. 4)hoch
  • Konformitätsbewertung und CE (Art. 43)keine
  • Registrierung in der EU-Datenbank (Art. 49)keine

Klartext

Was ein ISO-42001-Zertifikat leistet — und was es nicht leistet

Im Markt wird gerade viel behauptet. Deshalb hier unsere Position, so klar wie möglich:

Ein ISO-42001-Zertifikat begründet keine Konformitätsvermutung nach der KI-Verordnung. Diese entsteht ausschliesslich über harmonisierte Normen, die im Amtsblatt der EU gelistet sind; die zugehörige europäische Normungsarbeit läuft noch. Wer Ihnen etwas anderes verspricht, verkauft Ihnen ein Risiko.

Was ISO 42001 leistet: Sie zwingt Ihre Organisation, das zu tun, was die Verordnung ohnehin voraussetzt — wissen, welche KI im Haus ist, Verantwortung zuweisen, Risiken bewerten, Daten steuern, Aufsicht sicherstellen, Vorfälle behandeln. Und sie lässt das extern prüfen. Wenn eine Behörde, ein Grosskunde oder ein Versicherer fragt, ist der Unterschied zwischen „wir arbeiten daran" und einem geprüften Managementsystem erheblich.

Häufige Fragen zum EU AI Act

Sehr wahrscheinlich ja, sobald Sie KI-Systeme in der EU in Verkehr bringen oder deren Ergebnisse in der EU verwendet werden. Die Verordnung wirkt über die EU-Grenze hinaus, ähnlich wie die DSGVO.

Von „wir sollten mal" zu „wir können es belegen"

Selbstcheck ausfüllen oder direkt rechnen, was ISO 42001 — allein oder mit 27001 — bei Ihnen kostet.